Rechtsanwalt Markus Klinder

Das LSG NRW hat im Beschluss vom vom 17.09.2013 - L 19 AS 1501/13 B entschieden, dass eine Weigerung der Übernahme der Mietschulden grds. ermessensfehlerhaft ist.

Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen

 

In den Gründen führt das LSG NRW aus :

 

Bei den Mietrückständen handelt es sich um Schulden i.S.v. § 22 Abs. 8 S. 1 SGB II. Bei Bestehen von Verbindlichkeiten aus einem Mietvertrag i.S.v. § 22 Abs. 8 S. 1 SGB II sind sämtliche Mitglieder einer Bedarfsgemeinschaft i.S.v. § 22 Abs. 8 SGB II anspruchsberechtigt, unabhängig davon, wer zivilrechtlich für die Schulden haftet. Denn für sämtliche Mitglieder der Bedarfsgemeinschaft besteht bei Schulden gegenüber dem Vermieter die Notlage - drohender Verlust der Wohnung - , die die Vorschrift des § 22 Abs. 8 SGG abwenden soll (vgl. Krauß in Hauck/Noftz, SGB II, § 22 Rn 335).

 

Nach summarischer Prüfung der Sach- und Rechtslage hat die begehrte Übernahme der Mietschulden zur Sicherung der Wohnung gedient, deren Kosten ausgehend vom Vortrag beider Beteiligten abstrakt angemessen i.S.v. § 22 Abs. 1 S. 1 SGB II sind. Durch die Übernahme der Schulden sollte nicht nur eine unmittelbar bevorstehende Vollstreckung aus dem Räumungsurteil (Zwangsräumung am 15.08.2013) verhindert werden, sondern die Schuldenübernahme ist auch zur langfristigen Sicherung der bisherigen Wohnung geeignet gewesen. Durch die Übernahme der Mietschulden war nicht nur die bevorstehende Räumung der Wohnung abwendbar, sondern auch die Neubegründung eines Mietverhältnisses über die Wohnung ist möglich gewesen (vgl. zur Erforderlichkeit der Neubegründung eines Mietverhältnisses bei Vorliegen eines Räumungstitels zum Erhalt der Wohnung Beschluss des Senats vom 31.08.2010 - L 19 AS 1106/10 B ER). Die Vermieterin hat mit Schreiben vom 10.07.2013 erklärt, das Mietverhältnis mit den Antragstellern zu 1) und zu 2) fortzusetzen, wenn der Mietrückstand von 3.908,90 EUR ausgeglichen und Sorge dafür getragen wird, das jetzige und zukünftige Mietzahlungen pünktlich und vollständig erfolgen. Insoweit ist diesem Schreiben der Wille der Vermieterin zu entnehmen, im Fall der Übernahme der Mietschulden seitens des Antragsgegners mit den Antragstellern zu 1) und 2) einen neuen Mietvertrag über die Wohnung abzuschließen. Etwaige Zweifel an diesem Willen, die sich aus dem Zusatz "Sorge dafür getragen wird, das jetzige und zukünftige Mietzahlungen pünktlich und vollständig erfolgen" ergeben können, hätten Anlass geboten, seitens des Gerichts konkret bei der Vermieterin nachzufragen, ob und ggfs. unter welchen Bedingungen sie bereit ist, mit den Antragstellern eine neuen Mietvertrag, gfl unter welchen Bedingungen abzuschließen.

 

Dem mit der Vorschrift des § 22 Abs. 8 S. 1 SGB II verfolgte Zweck der Sicherung der Wohnung steht der Umstand nicht entgegen, dass die Wohnungen nicht nur von den Antragstellern, sondern noch von zwei weiteren Familienangehörigen genutzt wird. Entgegen der Auffassung des Antragsgegners und auch des Sozialgerichts erfolgt die Übernahme von Schulden nicht kopfteilig, sondern jedem Mitglied einer Bedarfsgemeinschaft steht zur Abwendung der Notlage i.S.v. Abs. 8 ein Anspruch auf Übernahme der Schulden in voller Höhe zu (vgl. Krauß, a.a.O.,§ 22 Rn 335). Die Verbindlichkeiten aus dem Mietvertrag können durch ein Darlehen nach § 22 Abs. 8 SGB II vollständig gedeckt werden, das Darlehen ist betragsmäßig nicht begrenzt. Die Frage, ob die übrigen Familienmitgliedern, die die Wohnung mit nutzen, bereit und willens sind, einen Teil der Schuldentilgung zwecks Sicherung der Wohnung zu übernehmen, wäre im Rahmen des Hauptsacheverfahrens zu prüfen.

 

Nach § 22 Abs. 8 S. 1 SGB II steht die Übernahme von Mietschulden im Ermessen des Antragsgegners. Dieses Ermessen ist nach Satz 2 eingeschränkt, wenn die Übernahme von Mietschulden gerechtfertigt und notwendig ist und sonst Wohnungslosigkeit einzutreten droht.

 

Vorliegend war die Übernahme der Mietrückstände geeignet, die drohende Wohnungslosigkeit abzuwenden. Drohende Wohnungslosigkeit bedeutet den drohenden Verlust der bewohnten, kostenangemessene Wohnung bei fehlender Möglichkeit, ebenfalls angemessenen Ersatzwohnraum zu erhalten. Eine den Angemessenheitskriterien entsprechende Wohnung muss konkret für den Hilfebedürftigen anmietbar sein (vgl. BSG Urteil vom 17.06.2010 - B 14 AS 58/09 R -, Rn 30). Der Verlust der bewohnten, kostenangemessen Wohnung hat durch die anberaumte Zwangsräumung am 15.08.2013 gedroht. Den Antragstellern hat kein Ersatzwohnraum zur Verfügung gestanden. Die Antragsteller haben keine andere Wohnung angemietet bzw. über ein entsprechendes Mietangebot verfügt. Auch hat der Antragsgegner den Antragstellern keine Ersatzwohnung angeboten bzw. vermittelt (vgl. hierzu BSG Urteil vom 17.06.2010 - B 14 AS 58/09 R -, Rn 30). Etwaige fehlende Bemühungen der Antragsteller um eine neue Wohnung trotz Vorliegens eines Räumungstitels können diesen zwar unter dem Gesichtspunkt des Vorrangs von Selbsthilfemöglichkeiten vorgehalten werden. Insoweit hätte der Antragsgegner aber die Antragsteller auf ihre Obliegenheit, sich um eine neue kostenangemessene Wohnung zu bemühen, hinweisen müssen (vgl. zu den Unterstützungspflichten des Grundsicherungsträgers: Krauß, a.a.O., SGB II, § 22 Rn 348). Ein Verweis der Antragsteller nach erfolgter Räumung auf Unterbringungsmöglichkeiten in einer Not- oder Obdachlosenunterkunft ist nicht zulässig (BSG Urteil vom 17.06.2010 - B 14 AS 58/09 R, Rn 28).

 

Die Schuldenübernahme war wegen der abstrakten Angemessenheit der Wohnung zumindest bei den Antragstellern zu 1), 2) und 5) gerechtfertigt und auch notwendig. Bei der Frage, ob im Hinblick auf das Alter der Antragstellerin zu 6), die noch minderjährig ist, die Gewährung eines Darlehens zur Tilgung von fremden Schulden im Hinblick auf die damit verbundene Pflicht zur Tilgung nach § 42a SGB II nicht gerechtfertigt ist (vgl. hierzu Krauß, a.a.O., SGB II , § 22 Rn 335, 354), handelt es sich um eine noch nicht geklärte Rechtsfrage. Der Standpunkt, dass minderjährige Kinder als Darlehensnehmer i.S.v. §§ 22 Abs.8, 42a SGB II ausscheiden, weil sie regelmäßig die Schuldenlage nicht zu verantworten haben und es daher nicht gerechtfertigt erscheint, dauerhaft zu ihren Lasten eine Tilgung von ihrem Regelbedarf vorzunehmen, ist vertretbar (Krauß, a.a.O., § 22 Rn 335 m.w.N.).

 

Führt die Schuldenlage zu drohender Wohnungslosigkeit i.S.v. § 22 Abs. 8 S. 1 SGB II verbleibt einem Grundsicherungsträger für die Ausübung seines Ermessens regelmäßig kein Spielraum (BSG Urteil vom 17.06.2010 - B 14 AS 58/09 R, Rn 31 zur Vorgängervorschrift des § 22 Abs. 5 SGB II). Wirtschaftlich unvernünftiges Handeln, das die drohende Wohnungslosigkeit mitverursacht hat, tritt zurück. Ebenso ist die Tatsache, dass die Mietschulden durch ein Fehlverhalten des Antragsstellers zu 1) und der Antragstellerin zu 2) entstanden sind, nicht zu berücksichtigen (vgl. BSG Urteil vom 17.06.2010 - B 14 As 58/09 R, Rn 31). Nur in atypischen Ausnahmefällen kann die Übernahme der Schulden abgelehnt werden. Ein solcher Ausnahmefall kann in Missbrauchsfällen bei gezielter Herbeiführung der Mietrückstände trotz ausreichendem Einkommen oder bei wiederholten Mietrückständen ohne erkennbaren Selbsthilfewillen angenommen werden (vgl. hierzu Berlit in LPK-SGB II, § 22 Rn 190 m.w.N.; LSG Hessen Beschluss vom 17.05.2013 - L 9 AS 247/13 B ER, LSG Bayern Beschluss vom 21.12.2012 - L 11 As 850/12 B ER). Ob ein solcher atypischer Ausnahmefall vorlag, ist offen. Zwar haben die Antragsteller auch nach Anhängigkeit der Räumungsklage bzw. nach Erlass des Räumungstitels trotz ausreichender Mittel weitere Mietrückstände entstehen lassen (Mieten für Dezember 2012, Juni 2013 und Juli 2013) und erst angesichts einer drohenden Zwangsräumung eigene Bemühungen unternommen, den Zahlungsrückstand durch die Zahlung eines Betrages von 1.000,00 zu verringern. Auch ist nicht ersichtlich, dass sich die Antragsteller bemüht haben, mit ihrer Vermieterin eine vertretbare Ratenzahlung zu vereinbaren, obwohl sie - wie das Sozialgericht und der Antragsgegner zutreffend ausgeführt haben - über freie Mittel (Freibeträge nach § 11b SGB II) verfügt haben. Ein gezieltes Handeln zu Lasten des Antragsgegners liegt in einem solchen Verhalten aber noch nicht. (vgl. hierzu LSG Bayern Beschluss vom 21.12.2012 - L 11 AS 850/12 B ER). Trotz dieser unzureichenden Bemühungen der Antragsteller, insbesondere des Antragstellers zu 1) und der Antragstellerin zu 2), keine weiteren Schulden nach Anhängigkeit der Räumungsklage entstehen zu lassen bzw. entstandene Rückstände auszugleichen, spricht im Hinblick darauf, dass es sich um einen erstmaligen Mietrückstand handelt, vieles dafür, dass kein atypischer Sachverhalt vorgelegen hat.

 

Auch die Tatsache, dass eine vollständige Zahlung der Miete in Zukunft nicht durch eine Direktzahlung an die Vermieterin seitens des Antragsgegners nach § 22 Abs. 7 S. 2 SGB II sichergestellt werden kann, begründet keinen atypischen Fall. Die Antragsteller zu 1) und zu 2) verfügen über Einkommen, aus dem sie zusammen mit den vom Antragsgegner aufstockend gewährten Bedarf für Unterkunft und Heizung die Verpflichtung aus dem neuen Mietvertrag erfüllen können, auch wenn zur Tilgung eines Darlehens nach § 22 Abs. 8 SGB II seitens des Antragsgegners eine Aufrechnung nach § 42a Abs. 2 SGB II verfügt werden wird. Insoweit obliegt es dem Antragsteller zu 1) und der Antragstellerin zu 2) in Zukunft sicherzustellen, dass keine weiteren Mietrückstände mehr entstehen. Das wiederholte Entstehen von Mietrückständen ohne erkennbaren Willen, diese zu vermeiden kann einen atypischen Fall begründen.

 

Im Hinblick auf die drohende Zwangsräumung am 15.08.2013 lag auch ein Anordnungsgrund vor.

 

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